Einige Gedanken zur Zukunft des Internets

Wie bereits auf Twitter angekündigt ist inzwischen das Buch 2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets erschienen, in dem sehr viele lesenswerte Beiträge enthalten sind.

Mein eigener Beitrag (vom 29.3.) sei hier nun zusätzlich zu der nichtexklusiven Lizenz für den Buchverlag unter CC-BY-SA-NC 3.0 DE veröffentlicht. Der Titel war quasi vorgegeben, ich habe aber konkret den Fokus auf die digitale Spaltung und den Zugang gelegt.

Wie die Freiheit des Internets für die Bürger bewahrt werden kann

Laut Wikipedia ist “Das Internet (von engl.: interconnected network) … ein weltweites Netzwerk bestehend aus vielen Rechnernetzwerken, durch das Daten ausgetauscht werden”. Doch schon die Erwähnung der Wikipedia macht deutlich, dass diese Definition  für die Betrachtung der revolutionären Veränderungen in Folge des Internets in etwa so hilfreich ist wie eine Beschreibung des Feuers als exothermer Oxidationsvorgang. Das Internet kann alles aufsaugen, das digitalisierbar ist, es stellt den unbegrenzten Marktplatz des globalen Dorfes dar, an dem jeder gleichzeitig wohnen kann. Jeder zumindest, der Zugang hat zum Internet und nicht jenseits der digitalen Kluft steht, die zu überwinden eine der großen politischen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte darstellt.
Diese Spaltung durchzieht unsere Gesellschaft in unterschiedlichen Koordinatensystemen. Innerhalb Deutschlands war der durchschnittliche Internetnutzer bis vor wenigen Jahren männlich, finanziell gut situiert und gebildet. Auch hinsichtlich des Alters gibt es einen Bruch. Während sich für die bereits mit dem Internet aufgewachsene Generation der Begriff ‘digital natives’ eingebürgert hat, obwohl diese Jugendlichen keineswegs alle ‘digital inhabitants’, also bewanderte Internetnutzer sind, nutzen zwar inzwischen auch mehr und mehr Ältere das Netz, aber die Unterschiede in der medienspezifischen Prägung werden sicher noch längere Zeit spürbar sein. Bei den Jüngeren haben Internet und mobile Endgeräte die klassischen Medien wie Fernsehen bereits überholt. Für die nächsten Jahre muss das ‘Internet für alle’ auf dem Programm der politisch Handelnden stehen, einem Handeln, das nicht wie bisher von regulatorischem Klein-Klein oder Warten auf Investitionen aus der Privatwirtschaft und erst recht nicht von unzureichender Entmonopolisierung der Infrastruktur geprägt sein darf. Wie man diesen gordischen Knoten mit dem Ziel einer flächendeckenden Breitbandversorgung der Bevölkerung durchschlagen kann, hat die australische Regierung vorgemacht, die mit einer zweistelligen Milliardeninvestition von staatlicher Seite die notwendige Glasfaserinfrastruktur aufbaut, um binnen 8 Jahren ca. 90 Prozent aller Haushalte, Unternehmen und Schulen anzubinden. Zugang zum Internet zu haben, wird für die Teilhabe an der Gesellschaft in Zukunft eine notwendige Voraussetzung sein, nicht nur aufgrund von eGovernment und Co.
Weltweit trennt die digitale Spaltung die hochentwickelten von den weniger entwickelten Ländern und es besteht die Gefahr, dass letztere durch den fehlenden Anschluß noch stärker zurückfallen und so auch die bestehenden weltweiten Spannungen eher zu- als abnehmen. Andererseits bieten sich hier schon beim Einsatz vergleichsweise bescheidener Mittel auch enorme Chancen in der Entwicklung sowohl wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher weil demokratisierender Art. Welche enorme politische Sprengkraft das Internet haben kann, zeigt sich in jüngster Vergangenheit nicht nur an den Beispielen China, Burma (Myanmar) und Iran, sondern auch anhaltend in Deutschland in der Diskussion um Netzsperren und vergleichbar in vielen anderen westlichen Ländern. In diesem  zweiten großen bürgerrechtlich relevanten Komplex geht es um Kontrolle.
‘information at your fingertips’ hieß es vor 15 Jahren, kurz nachdem sich zwei für die Entwicklung wesentliche Elemente vereinigt hatten: das Windows-Betriebssystem, das die Bedienung von Computern massentauglich machte sowie die lingua franca der Computerkommunikation, das Netzwerkprotokoll TCP/IP. Dieses weist ursprünglich aus militärischen Überlegungen heraus eine hohe Robustheit gegenüber Ausfällen von ganzen Teilen des Netzwerks auf und erschwert damit auch die Kontrolle durch einen Zensor oder einen ‘big brother’. Seitdem sind nicht nur Informationen sondern auch viele andere Bereiche des normalen Lebens  in gewisser Weise ‘at your fingertips’ : Handel, Finanzdienstleistungen, Unterhaltung, Kommunikation und sogar Arbeit. Das Internet verbindet Staaten mit unterschiedlichen Rechtsvorstellungen, Kulturen und Traditionen. Etablierte Mechanismen zur Medienkontrolle beispielsweise beim Jugendschutz oder bei Pornografie greifen auf einmal nicht mehr wie gewünscht und lassen sich gezielt unterlaufen. Verleumdungen und Beleidigungen sind u.U. in den Tiefen des Netzes durch Suchmaschinen zwar leicht auffindbar, aber umso schwerer entfernbar. Zum praktischen Bezahlen per Kreditkarte im Internet gesellt sich der Kreditkartenbetrug durch ‘phishing’  oder andere ausgeklügelte Methoden. Was ist da naheliegender, als der Versuch die althergebrachten Grenzen auch im neuen öffentlichen Raum namens Internet zu etablieren, um seine staatliche Hoheit zurückzugewinnen? Aber neben dem Widerspruch dazu, dass man just die Zollhäuschen an den Grenzen zu den benachbarten EU-Staaten abgerissen hat, will diese Vorstellung auch aus anderen Gründen nicht so recht funktionieren. Die Vielfalt und Dynamik des Internets macht eine umfassende Kontrolle praktisch unmöglich, wenn man nicht in totalitäre Verhältnisse abrutschen will. Keine Webseite, die nicht in wenigen Minuten umgezogen ist, keine Indiskretion, die nicht in Sekunden global verteilt werden könnte, im Bundestag werden Abstimmungsergebnisse vor der Verkündung getwittert. Bei all diesen Herausforderungen kann einem schonmal schwindelig werden, aber es lohnt sich einen kühlen Kopf zu bewahren. Einige der neuen Probleme sind nur alte in neuem Gewand, bei wieder anderen bringt die neue Technik womöglich nicht nur das Problem sondern auch neue Lösungsmöglichkeiten mit, wie beispielsweise bei INHOPE, dem internationalen Netzwerk von Internet-Beschwerdestellen.
In jedem Falle ist es sinnvoll sich vor Augen zu führen, dass es sich beim Internet nicht nur um eine neue Quantität von Kommunikation handelt, sondern um eine neue Qualität. In Fernsehen, Rundfunk und Zeitung sprechen nur wenige zu vielen, bzw. suchen noch weniger Personen das aus, was viele zu Lesen, zu Hören oder zu Sehen bekommen. Im Internet kann jeder nicht nur rezipieren sondern auch anbieten, zudem ist das Angebot umfassend vorhanden, eine Auswahl kann jeder selbst treffen oder er verlässt sich auf Empfehlungen von anderen. Die aktive Beteiligung macht den Internetnutzer zum gleichberechtigten Mitglied des Mediums. Wer selber bloggt, sieht Internetsperren mit ganz anderen Augen. Die Beteiligung  an sozialen Netzwerken, an virtuellen Welten, das gemeinsame Arbeiten an Software- und anderen Projekten, all das ist für viele Menschen bereits selbstverständlich. Vor diesem Hintergrund muss man die Debatte darüber sehen, in welche Richtung sich das Internet entwickeln soll. Ist das Internet tatsächlich als öffentlicher Raum zu betrachten und was hätte dies für Folgen? Wollen wir ein Internet ‘ab 12 Jahre’ oder darf es ‘ab 16′ oder ‘ab 18′ sein oder schaffen wir besser entsprechende Zugänge? Darf man den Netzbetreiber für die durchgeleiteten Daten verantwortlich machen? Und nicht zuletzt: Dürfen die Zugangsanbieter bei der Durchleitung von Daten nach deren Herkunft oder Art unterscheiden oder verpflichten wir sie zu sog. Netzneutralität? Insbesondere die Beantwortung dieser letzten Frage wird nicht nur wettbewerbstechnisch großen Einfluß auf die Zukunft des Internets haben sondern kann auch  zu einer Bedrohung der Freiheit des Netzes im Sinne der Bürger werden. Manch einer sieht hier die Möglichkeit, das ungeliebte Filesharing auszubremsen, indem solche Daten nur noch gedrosselt oder gar nicht weitergeleitet würden, aber neben den Tatsachen, dass Filesharing zweifellos für viele völlig legale Zwecke eingesetzt wird und die Kunden für ihr Geld lieber einen vollwertigen Internetanschluß haben möchten, ist dies auch technisch keine längerfristig verlässliche Methode. Überhaupt ist die Vielfältigkeit des Internetverkehrs ein wichtiger Punkt: der wohl erfolgreichste Dienst in der Geschichte des Internet ist der elektronische Brief, die E-Mail. Traditionell läuft dieser unverschlüsselt, also quasi ohne Briefumschlag durchs Netz. Nichtsdestotrotz unterliegt solche Kommunikation auch dem Fernmeldegeheimnis des Grundgesetzes. Eine Durchleuchtung des gesamten Internetverkehrs aus welchen Gründen auch immer, stößt hier wie auch bei den neueren Internettelefonie-Diensten auf rechtliche Grenzen. Kann man beim elektronischen Briefumschlag noch selbst nachrüsten, indem man seine Mails stets verschlüsselt verschickt, so ist man gegenüber einem anderen Vorgang eher wehrlos: im Zuge der Vorratsdatenspeicherung sollten auch Absender und Adressat von E-Mails als sogenannte Verbindungsdaten zunächst für 6 Monate gespeichert werden. Ein Szenario, das in Deutschland zwar nun vorläufig vom Tisch ist, das aber symptomatisch für einen anderen Aspekt ist, den Datenschutz. Die neue digitale Technik erzeugt zahlreiche Datenspuren von uns während wir uns mit ihr beschäftigen, viele davon sind uns nicht einmal bewusst, viele werden über die Zeit ihres Nutzens hinaus auch automatisch aufbewahrt also gespeichert. Das Speichern großer Datenmengen ist nicht mehr mit allzu großem Aufwand verbunden, weder zeitlich noch finanziell. Zu diesen automatischen Daten kommen auch noch jene hinzu, die wir an vielen Orten freiwillig hinterlassen, beispielsweise in sozialen Netzwerken. Oft sind die einzelnen Daten für sich genommen unproblematisch, zusammengeführt ergeben sie aber sehr wohl Aufschluß über unsere Person. Schutz der Privatsphäre und der eigenen Identität im Netz sind daher wichtige Themen für die Gestaltung der Zukunft im Internet, vor allem auch dann, wenn sich das Netz als ‘Internet der Dinge’ auf unsere Alltagsgegenstände quasi ausweitet. Der Erfolgszug des Internets scheint nicht nur in dieser Richtung unaufhaltsam. An vielen Stellen vollzieht sich die Entwicklung schneller als die meisten von uns mithalten können. Es ist daher nicht die geringste der Herausforderungen an die Politik, dass sie, wo es durch ihre Entscheidungen beeinflusst werden kann, dem Bürger auch das Mithalten bei dieser Entwicklung ermöglicht.

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Veröffentlicht in Uncategorized. 2 Comments »

2 Antworten to “Einige Gedanken zur Zukunft des Internets”

  1. Kyra Says:

    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Jens. Dies ist keine automatische Mail. Und auch an der falschen Stelle, da OT zum Blogeintrag.
    Aber jetzt lese ich erst mal den Blog von Dir.

  2. disi Says:

    Hallo Jens,

    auch mal Herzlichen Glueckwunsch. :)

    Sehr schoene Zusammenfassung. Ich muss ehrlich sagen, dass ich auf dem Stand ca. um 2000 haengengeblieben bin. Ich habe keinen Facebook oder Twitter Account, schreibe hin und wieder etwas auf meiner Homepage, die auf meinem dedicated Server laeuft und benutze mein Mobile hauptsaechlich zum Telefonieren.

    ‘Das Internet kann alles aufsaugen, das digitalisierbar ist, es stellt den unbegrenzten Marktplatz des globalen Dorfes dar, an dem jeder gleichzeitig wohnen kann. Jeder zumindest, der Zugang hat zum Internet und nicht jenseits der digitalen Kluft steht, die zu überwinden eine der großen politischen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte darstellt.’

    Und da kann es nicht sein, wenn die Politik Menschen diesen Zugang verbieten will. Das koennte man schon mit einer Gefaengnisstrafe gleichsetzen und dafuer braucht es eine richterliche Verurteilung, keinen beauftragten ISP.

    ‘Etablierte Mechanismen zur Medienkontrolle beispielsweise beim Jugendschutz oder bei Pornografie greifen auf einmal nicht mehr wie gewünscht und lassen sich gezielt unterlaufen. Verleumdungen und Beleidigungen sind u.U. in den Tiefen des Netzes durch Suchmaschinen zwar leicht auffindbar, aber umso schwerer entfernbar.’

    Hier kann ich nur 100% zustimmen und es ist Wahnsinn was die Piraten dabei schon erreicht haben. Vor ca. 1,5 Jahren sprach noch keiner von Zensur und alle waren davon ueberzeugt das “World Wide Web” wie den Oeffentlichen Rundfunk kontrollieren zu koennen. Nun beschaeftigt sich unter anderem die amtierende Regierung intensiv mit dem Thema.

    ‘dass sie, wo es durch ihre Entscheidungen beeinflusst werden kann, dem Bürger auch das Mithalten bei dieser Entwicklung ermöglicht.’

    Klingt so als ob die Regierung die Entwicklung drosseln muesse…

    Du musst mehr Absaetze einbauen, sehr schwer zu lesen :(

    Gruss,

    disi


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